Analyse: Es ist alles eitel von Andreas Gryphius (Barock)
Detaillierte Analyse des Vanitas-Sonetts 'Es ist alles eitel'. Themen: Epoche des Barock, Alexandriner, Stilmittel und Interpretation von Andreas Gryphius.
Es ist alles eitel
Andreas Gryphius (1637/43)
Ein barockes Sonett über Vergänglichkeit und Vanitas
Analyse und Interpretation
Andreas Gryphius – Leben und Kontext
2. Oktober 1616 in Glogau, Schlesien
16. Juli 1664
Bedeutendster Lyriker und Dramatiker des deutschen Barock
Erlebte die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648)
Schrieb unter dem prägenden Einfluss von Krieg, Pest und Tod
Das Sonett „Es ist alles eitel" erschien 1637/43 in seinen „Lissaer Sonette"
Vergänglichkeit, Vanitas, Tod und Ewigkeit
Barocke Epoche
Das Sonett – Vollständiger Text
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo itzundt Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäfers Kind wird spielen mit den Herden;
Was itzundt prächtig blüht, soll bald zutreten werden;
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.
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Das Zeitalter des Barock & Vanitas
Das Barock (ca. 1600–1720)
Geprägt vom Dreißigjährigen Krieg (1618–1648)
Verwüstung, Pest, Massensterben
Religiöse Krisen und Unsicherheit
Das Vanitas-Motiv
Vanitas = lat. „Eitelkeit“, „Vergänglichkeit“
Alles Irdische ist vergänglich und wertlos
Der Tod kommt unausweichlich für jeden
Die Sanduhr als zentrales Symbol: der Fluss der Zeit
Leitmotiv der Epoche
„Memento mori“ – „Gedenke, dass du sterben wirst“
Formaler Aufbau – Das Barocke Sonett
Sonettform
14 Verse gesamt
2 Quartette (je 4 Verse)
2 Terzette (je 3 Verse)
Reimschema:
Quartette: Umarmender Reim → abba / abba
Terzette: Schweifreim → ccd / eed (variiert)
Stumpfe Reime (b): letzte Silbe betont
Klingende Reime (a): letzte Silbe unbetont
Versmaß: Der Alexandriner
Sechshebiger Jambus (x x)
Zäsur nach der 6. Silbe / 3. Hebung
Teilt den Vers in zwei Halbzeilen
Von Martin Opitz als wichtigstes Versmaß der deutschen Dichtung etabliert (1624)
Beispiel aus dem Gedicht:
„Du siehst, | wohin du siehst, | nur Eitelkeit | auf Erden.“
Inhaltliche Analyse – Strophe für Strophe
1. Quartett (V. 1–4)
Verfall und Zerstörung der Städte
Städte werden zu Wiesen
Das Gebaute wird wieder zerstört
Kontrast: Aufbau ↔ Zerfall
These: Alles auf Erden ist vergänglich
2. Quartett (V. 5–8)
Vergänglichkeit des Schönen und Lebendigen
Das Prächtige wird zertreten
Das Starke wird zu Asche und Bein
Kein Erz, kein Marmorstein ist ewig
Antithese: Selbst das Härteste vergeht
1. Terzett (V. 9–11)
Frage nach dem Sinn des Lebens
Ruhm vergeht wie ein Traum
„Spiel der Zeit“ = Metapher für das Leben
Rhetorische Frage: Kann der Mensch bestehen?
2. Terzett (V. 12–14)
Fazit und Kritik am Menschen
Alles ist Nichtigkeit, Schatten, Staub und Wind
Vergänglich wie eine Wiesenblume
Niemand will sich mit der Ewigkeit befassen
Synthese: Vanitas – alles ist eitel
Stilmittel und ihre Wirkung
Direkte Ansprache (V. 1)
„Du siehst, wohin du siehst…“
Leser fühlt sich persönlich angesprochen
Antithetik (V. 2f., 5f.)
„heute baut… morgen einreißt“
Vergängliches wird verdeutlicht; das Schöne endet jäh
Anapher „Was“ (V. 5–6)
Wiederholung am Versanfang
Steigerung: erst Zerstörung, dann Tod
Hyperbel (V. 7)
„kein Erz, kein Marmorstein“
Selbst scheinbar Ewiges ist vergänglich
Personifikation (V. 8)
„Jetzt lacht das Glück uns an“
Wechsel von Glück zu Beschwerden verdeutlicht Vergänglichkeit
Metapher (V. 10)
„Spiel der Zeit“
Das Leben als Schauspiel; die Zeit regiert den Menschen
Anapher „Als“ (V. 12–13)
„Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten…“
Häufung des Negativen, führt zum Fazit in V. 14
Vergleich (V. 9)
„wie ein Traum vergehn“
Betonung des Flüchtigen, Unwirklichen
Fazit – Die Hauptaussage des Gedichts
„Alles und jeder ist vergänglich – niemand kann der Vergänglichkeit entkommen.“
Thema
Das Gedicht greift das zentrale Barock-Motiv der Vanitas auf: Alles Irdische ist vergänglich und wertlos. Der Dichter mahnt den Leser, sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden.
Botschaft
Andreas Gryphius konfrontiert den Menschen mit der Realität des Verfalls. Ruhm, Schönheit und Macht sind kurzlebig. Nur das Ewige – das Göttliche – besteht.
Aktualität
Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Vergänglichkeit ist zeitlos. Das Gedicht regt noch heute zur Reflexion über Werte, Prioritäten und das eigene Leben an.
„Nichts ist, das ewig sei.“ (V. 7)
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